So viel Mama und Papa in uns

1.10.2018

Jetzt ist es raus: Wir vererben nicht nur unsere Eigenheiten, sondern auch unsere Erfahrungen. Unsere Glückseligkeiten und unsere Verzweiflungen. Umgekehrt: In jeder und jedem von uns stecken nicht nur die körperlichen und seelischen Arten und Unarten unserer Vorfahren, sondern auch das, was sie erlebt und erlitten haben.

 

Das jedenfalls zeigen neueste Erkenntnisse aus der Neuro- und Molekularbiologie. Das Magazin „National Geographic“ hat kürzlich darüber berichtet. Zitat: „Lange glaubte man, dass es allein die Gene sind, die Gesundheit, Aussehen und manche Wesenszüge des Menschen prägen. Alles andere wurde äußeren Einflüssen zugeschrieben: der Erziehung, dem Umfeld, den Erfahrungen, die ein Mensch macht.“ Heute glaubt man zu wissen, dass vieles davon geerbt ist, weil die Eltern auch ihre Lebensbedingungen durch molekularbiologische Prozesse weitergeben. Und das lange bevor ein neuer Mensch entsteht.

 

Deutlich wird das durch ein neues Forschungsfeld, die Epigenetik. “Epi“ ist griechisch und heißt „auf, dazu, danach“. Sie behauptet: Die hellen und dunklen Erfahrungen der Eltern setzen sich praktisch auf ihre Gene. Die werden dabei nicht verändert. Trotzdem können sie anschließend unterschiedlich gut abgelesen werden, je nachdem, welche Schreckensmomente sich auf ihnen festgesetzt haben. So sind die Forscher überzeugt, dass Kinder Spuren der Erlebnisse ihrer Vorfahren in sich tragen, die sich lange vor ihrer Zeugung ereigneten. „Das Leben beginnt vor der Empfängnis“, sagt eine Biologin. „Es gibt viele Einflüsse vor der Zeugung, die bestimmen, wer wir sind.“

 

Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch gelesen über die „Kinder der Kriegskinder“ und dabei gelernt, dass auch wir, die wir selbst nie einen Krieg erlebt haben, unter dem leiden, was unsere Eltern in den Kriegsjahren durchgemacht haben. In diesem und in ähnlichen Büchern sind es allerdings vor allem die Verhaltensmuster, die verwundeten Gedanken- und Gefühlsmuster, die unsere Eltern an uns weiter gereicht habe. De Epigenetik geht jetzt einen großen Schritt weiter. Sie sagt, dass es nicht nur das Verhalten ist, mit dem unsere Eltern uns geprägt haben, sondern auch das, was sie auf ihren Genen abgelegt haben noch bevor wir gezeugt wurden.

 

Vielleicht sind wir konditionierter, als wir bislang zu glauben versucht haben. Und unser freier Wille ist längst nicht so frei, wie wir uns immer eingeredet haben.

 

Gilt das dann auch für den Glauben? Sind Glaube oder Unglaube am Ende doch vererbbar?

Ich komme aus einer Familie, in der der Glaube keine besonders große Rolle gespielt hat. Man hielt sich zur Kirche, klar, mehr aber auch nicht. Ich habe den Glauben erst im CVJM entdeckt und ihn dann quasi rückwärts weitergereicht an meine Eltern und Großeltern. Andere sind in dem aufgewachsen, was manche ein „gläubiges Elternhaus“ nennen. Immer waren alle fromm. Der Glaube war fester Bestandteil der Alltagskultur.

 

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht mit vielem zu kämpfen habe, wofür ich nicht verantwortlich bin. Mit zu viel Beliebigkeit zum Beispiel. Oder mit der Lust in bedrohlichen Situationen einfach davonzulaufen. Hat das mein Vater als Seelenverwundung aus dem Krieg mitgebracht? Andere hingegen kämpfen mit zu viel Gesetzlichkeit. Mit der Sehnsucht nach einem unerschütterlichen Regelwerk fürs Glauben und Denken und Leben und mit der Lust, sich ängstlich überall zu schützen und abzugrenzen gegen die „böse Welt da draußen“. Hat das vielleicht mit schlimmen Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern zu tun?

 

Nein, so frei, wie wir uns eingebildet haben, sind wir nicht. In uns steckt mehr von Mama und Papa und Oma und Opa als wir zuweilen wahrhaben wollen. Eben nicht nur Gene. Auch Verletzungen und Verwundungen und ausgewachsene Traumata. Sind wir also festgelegt? Ist längst auch entschieden, ob wir an den barmherzigen Gott der Bibel glauben können oder nicht?

 

Die Bibel hält in manchen Passagen herzhaft dagegen: „Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“ (Joh 8,36) Und: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist wirklich Freiheit.“ (2. Kor 3,17) Heißt: Der dreieinige  Gott nimmt den Lasten der Vergangenheit ihre bannende und lähmende Macht. Den selbstverschuldeten und den geerbten.

 

Und auch die Wissenschaft macht Hoffnung: Epigenetische Veränderungen sind reversibel, sagt sie, lassen sich also rückgängig machen. In einer neuen Umgebung und unter neuen Lebensbedingungen. Vielleicht mithilfe eines Therapeuten oder Seelsorgers. Auf jeden Fall aber in der Gemeinschaft lebensfroher und unverkrampfter Christenmenschen.

 

Aus Aufatmen

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