Paulus und Agrippa

Der römische Statthalter hat ein Problem. Er versteht nicht. Aber wer nicht versteht, kann nichts erklären. Da ist dieser Gefangene, Paulus von Tarsus, ein jüdischer Theologe, römischer Bürger obendrein. Dem wollen die Juden, über die Festus im Auftrag des Kaisers herrscht, den Prozess machen. In Jerusalem möglichst. Also da, wo der Tempel steht, wo ihr Gott wohnt, und wo ihr Einfluss größer ist als hier unten am Mittelmeer, in der römischen Garnisonshauptstadt Caesarea, wo Festus residiert.

Zu allem Überfluss hat sein Gefangener verlangt, dass dieser Prozess vor dem römischen Kaiser in Rom stattfindet und nicht in Jerusalem. Das ist sein gutes Recht.

Aber worum geht es hier eigentlich? Was soll Festus dem Kaiser schreiben? Worüber soll der eigentlich entscheiden? Festus versteht nicht. Er hört die Anklage, er hört die Verteidigung und ist nur noch verwirrt. Innerjüdische Streitereien. Typisch. Drei Juden, fünf Meinungen.

Er braucht Rat. Und den soll ihm König Herodes Agrippa II. geben. Ausgerechnet! Agrippa war von den Römern als Regionalkönig eingesetzt worden. Er hatte auch die Oberaufsicht über den Tempel in Jerusalem und durfte den Hohepriester bestimmen. Ob er viel vom jüdischen Glauben verstand? Jedenfalls war er am Kaiserhof n Rom erzogen worden. Zudem munkelten manche, seine Frau Berenike wäre in Wirklichkeit seine Schwester. Agrippa also. Ausgerechnet!

Aber was bleibt Paulus anderes übrig. Er hat sich auch vor ihm zu verteidigen, und er will sich verteidigen.

Was sagt man da? Paulus erzählt seine Geschichte. Seine Lebensgeschichte und seine Glaubensgeschichte. Vor allem seine Bekehrungsgeschichte. Und er versucht nachzuweisen, dass der Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus alles andere als ein Widerspruch zum jüdischen Glauben ist. Agrippa hat interessiert zugehört. Aber als Paulus von der Auferstehung spricht, fährt Agrippa dazwischen: „Du bist von Sinnen. Das viele Studieren macht dich wahnsinnig.“ Aber Paulus knickt nicht ein. Und er spricht offenbar so überzeugend weiter, dass Agrippa am Ende zu Paulus sagt: „Es fehlt nicht viel, so wirst du mich noch überreden und einen Christen aus mir machen.“

Meint er das ernst? Ist das ironisch? Jedenfalls setzt er sich danach bei Festus für seine Freilassung ein. Dumm nur, dass sich Paulus auf den Kaiser berufen hat. Diesem Wunsch muss entsprochen werden.

Paulus kann argumentieren. Das hat er gelernt. Paulus kennt sich aus in der jüdischen Theologie, besser jedenfalls als sein Gegenüber. Am überzeugendsten aber ist wohl das, was er selbst erlebt hat. Vor Damaskus und in den vielen Jahren danach. „Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag, und stehe nun hier und bin sein Zeuge.“

Nein, diese Jahre waren nicht leicht gewesen. Im Gegenteil. Aber Paulus hat erfahren, dass Gott ihn nie hängenlassen hat. Er war immer da. In allen vermeintlichen Katastrophen seines Lebens, sogar jetzt, während der Haft in Caesarea. Nein, das Leben ist kein Wunschkonzert. Auch das Leben mit Gott nicht. Aber er lässt uns nie allein. Er gibt Kraft zu kämpfen, auszuhalten, einzustecken. „Ich bin sein Zeuge.“ sagt Paulus. Ich bin Zeuge für das, was ich erlebt habe. Zeugen denken sich nichts aus. Zeugen schauen einfach nur hin, hören einfach nur hin und erzählen weiter, was sie gesehen und gehört haben. Ich bin Zeuge der wunderbaren Zuwendung Gottes, die in Jesus sichtbar, hörbar, erlebbar geworden ist.

Paulus war das bis zum Schluss. Wir sind das auch, wenn wir dem lebendigen Christus begegnet sind. Zeugen seiner Macht und seiner Liebe. Wir können uns das gar nicht aussuchen. Wir sind es einfach. Andere beobachten uns. Unser Leben, unsere Liebe. Manchmal fragen sie auch. Dann dürfen wir erzählen. Von dem, was wir mit ihm erlebt haben.


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