Das aktuelle Buch:

 

 

 

 

 

 

 

Am 9. April 2020 jährt sich zum 75. mal der Tag der Ermordung des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Aus seinen letzten Jahren sind viele Briefe und Texte erhalten, die im Gefängnis entstanden sind. Ich bin mit ihm in einen fiktiven Briefwechsel eingestiegen.

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Hier als Auszug ein Brief als Reaktion auf Bonhoeffers Gedicht „Nächtliche Stimmen“. 

Ein Brief von ungeplanter Aktualität.

 

 

Lieber Dietrich,

 

welche Wucht! Welche Gewalt! Und zugleich: Welche Ohnmacht! Alles nimmst du wahr. Alles um dich herum, alles in dir. Alles drückt und droht. Und nur weniges tröstet. Aber du findest Worte. Wichtige und gewichtige Worte. Was für ein Geschenk! Für dich. Für uns. Worte beschreiben nicht nur. Sie klären und ordnen. Sie bemächtigen sich einer Situation. Nehmen den scheinbar Mächtigen ihre Macht. Wer schreibt, verarbeitet.

 

Du hättest auch das Zeug zu einem Literaten gehabt. Wie er: Albert Camus. Darf ich dir von ihm erzählen? Er ist ein paar Jahre jünger als du und sitzt gerade an einem großen und wichtigen Werk: „Die Pest“. Es wird erst nach dem Krieg erscheinen. Am 10. Dezember 1957 wird er nicht zuletzt dafür den Literaturnobelpreis bekommen.

 

Schade, dass ihr euch nie getroffen habt. Nicht treffen konntet bisher. Ihr gehört zu verfeindeten Nationen. Auch die Verständigung wäre nicht einfach gewesen. Ihr hättet einen Dolmetscher gebraucht, er, der Franzose, der im heutigen Algerien geboren wurde, damals noch „Französisch-Nordafrika“, und du, der Deutsche, der im heutigen Polen geboren wurde. Wie sehr sich die Welt doch verändert hat seitdem! Einen Dolmetscher hättet ihr wohl auch für eure doch sehr unterschiedlichen Biografien gebraucht. Du kannst zurecht stolz sein auf deine Herkunft, Camus hat seine in der Schule und im Studium eher verschwiegen. Sein Vater war ein ungelernter Fuhrmann, seine Mutter Fabrikarbeiterin und später Putzfrau. Sie konnte nicht einmal lesen und schreiben.

 

Und doch hättet ihr euch verstanden, ich bin sicher. Weil auch Camus sich in der Widerstandsbewegung engagiert hat. Weil auch er an der Absurdität des Lebens gelitten hat - sie wurde sogar zum Zentralbegriff seines Werkes. Weil auch er ein Mensch des Friedens, der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und der Versöhnung war.

 

„Die Pest“ malt ein Bild der Welt, in der du lebst, auch wenn Camus seinen Roman in seiner Heimat Algerien ansiedelt. Die Stadt Oran wird von einer tödlichen Pestepidemie heimgesucht und daraufhin von der Außenwelt isoliert. Tag für Tag sterben Menschen. Erst wenige, dann tausende. Manche kämpfen energisch gegen ihr eigenes Schicksal und das der anderen, andere ergeben sich kampflos. Die meisten indes leben weiter, als wäre nichts geschehen.

 

Der Arzt Dr. Bernard Rieux kämpf wie Sisyphos unermüdlich gegen die Seuche. Obwohl er immer wieder scheitert. Für Camus steht er für die Revolte des Menschen gegen die Sinnlosigkeit des Lebens. Wobei „révolte“ mehr bedeutet als die deutsche Übersetzung wiedergibt. Es ist nicht nur Auflehnung sondern auch Solidarität, Respekt, Freundschaft und Liebe.

 

Rieux’ bester Freund wird der junge Journalist Tarrou. Dessen Fragen sind den deinen so ähnlich.

 

„‚Eigentlich‘, sagte Tarrou schlicht, ‚möchte ich gerne wissen, wie man ein Heiliger wird.‘

 

‚Aber Sie glauben ja nicht an Gott.‘

 

‚Eben. Kann man ohne Gott ein Heiliger sein, das ist das einzig wirkliche Problem, das ich heute kenne.‘“

 

Ist das nicht deine Frage nach einem religionslosen Christentum?

 

Als alles vorbei zu sein scheint, als die Seuche so gut wie besiegt ist, stirbt Tarrou. Rieux ist erschüttert:

 

„Diese menschliche Gestalt, die ihm so nahe gestanden, war jetzt von Schwerthieben durchbohrt, von einem übermenschlichen Übel verbrannt, von allen Hasswinden des Himmels verkrümmt und versank vor seinen Augen in den Fluten der Pest, und er vermochte nichts gegen diesen Schiffbruch. Er musste am Ufer bleiben und mit leeren Händen und zerrissenem Herzen zusehen.“

 

Bist du —- Tarrou? Sind wir —- Rieux?

 

Rieux ist Atheist. Wie Camus. Sein Gegenpart ist der fromme Pater Paneloux. Auch er muss sterben. Am Schluss erkennen beide, dass sie mehr verbindet als trennt.

 

Rieux sagt: 

 

„‚Was ich hasse, sind der Tod und das Böse, das wissen Sie ja. Und ob Sie es wollen oder nicht, wir stehen zusammen, um beides zu erleiden und zu bekämpfen.‘ 

 

Besonders aufrüttelnd ist der Schluss des Romans. Er ist eine Warnung für uns Heutige - auch wenn Camus kaum das 21. Jahrhundert im Blick gehabt haben dürfte. Die Pest ist besiegt. Rieux aber feiert nicht mit.

 

„Während Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt emporranken, erinnerte er sich nämlich daran, dass diese Fröhlichkeit ständig bedroht war. Denn er wusste, was dieser frohen Menge unbekannt war und was in den Büchern zu lesen steht: dass der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet, sondern jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann, dass er in den Zimmern, den Kellern, den Koffern, den Taschentüchern und den Bündeln alter Papiere geduldig wartet, und dass vielleicht der Tag kommen wird, an dem die Pest zum Unglück und der Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben.“

 

Nein, die Pest ist nicht besiegt. Auch unsere nicht. In diesen Jahren kriecht sie wieder in vielen Ländern unserer Erde aus den Ritzen. Wir sind gefordert, wie Rieux es war. Wie du es warst und bist. Achtgeben, standhalten, widerstehen. Den Menschen verteidigen, seine Würde, seine Freiheit. Und so den Schöpfer ehren.

 

Herzlich

Dein Jürgen

Die aktuelle CD:

"Nahaufnahme." 

 
 
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Selbstbeschreibung
Eigentlich…


Eigentlich wollte ich zur Stadtverwaltung. Dann ging ich zur Penne. Eigentlich wollte ich Theologie studieren. Dann wurde ich Journalist. Eigentlich wollte ich nach Bielefeld. Zur Evangelischen Kirchenzeitung „Unsere Kirche“. Dann lag eines Tages dieser Brief aus Wetzlar im Briefkasten. Vom „Evangeliums-Rundfunk, Programmdirektor Horst Marquardt.“ Sie hätten gehört, ich wäre Redakteur und es wäre eventuell möglich, meine Mitarbeit zu gewinnen... 


Eigentlich wollte ich zunächst immer etwas anderes.

Auch in Sachen Musik.

 

In Lüdenscheid hatte ich eine Band gehabt, die "Dynamic News". Regelmäßig hatten wir in einem Jugendgottesdienst in der Kreuzkirche gespielt. Der Umzug nach Wetzlar hatte für mich auch das Ende der Band bedeutet. Und damit meiner Musik. Eigentlich.

 

Als plötzlich Hans Herbold von der jungen welle neue Musikaufnahmen fürs Archiv veranlasste. Mit Playbacks der "Noah's Band" aus den USA. Und ihm einfiel: "Du hast doch auch Lieder geschrieben." Und ich auf einmal wunderschöne Studioaufnahmen hatte vom "Mann aus Nazareth" und anderen Hits aus der Vergangenheit. Und Siegfried Fietz vom Verlag Hermann Schulte (heute Gerth Medien) daraus unbedingt eine Schallplatte machen wollte. Und ich völlig ungeplant und unerwartet plötzlich diese Schallplatte in den Händen hielt: "Eine Taube spricht zu mir". Und die Musik in mir zu neuem Leben erwachte ...

 

Und im ERF? Eigentlich wollte ich zwischenzeitlich immer wieder mal weg. Eigentlich wollte ich nicht Chefredakteur werden. Und erst Recht nicht Direktor. 

Eigentlich. 

Doch eigentümlich, Gott zog und drängte und lockte und warb, bis er mich immer wieder da hatte, wo er mich haben wollte. Dieser liebevolle, geduldige, einfühlsame und konsequente Gott. 

Als meine ERF Geschichte begann, schrieben wir das Jahr 1973. Der ERF, der damals nur ausgeschrieben „Evangeliums-Rundfunk“ hieß, war gerade ins neue Funkhaus am Berliner Ring eingezogen. Es gab rund 70 Mitarbeiter, und der Monatsetat lag bei 300 000 Mark ... Es gab die Doppelspitze Marquardt/Mann und eigentlich nur zwei Abteilungen: die Redaktion und die Verwaltung. 

Mehr als 40 Jahre später ist nicht alles, aber doch fast alles anders. Und ich hab’s miterlebt, ja sogar ein gutes Stück mit gestalten dürfen. So ist der ERF ein stattlicher Teil meiner Geschichte geworden. 
Und ich ein Teil seiner Geschichte. Wie sähen wohl beide ein bisschen anders aus, wenn wir einander nicht begegnet wären. Mehr als 40 Jahre am selben Arbeitsplatz, davon über 20 Jahre lang als Chef - wenn ich das so erzähle, kommt’s mir beinahe langweilig vor. Phantasielos. Doch was steckt nicht alles in diesen Jahren! 


Ungezählte Sendungen zunächst mal. Mein erstes Highlight war die aktuelle Berichterstattung vom „Internationalen Kongress für Weltevangelisation“ in Lausanne. 1974 war das. Jawohl, ich bin Lausanner der ersten Stunde! 

Mehr als 40 Jahre - das sind aber auch ungezählte Begegnungen. Von Cliff Richard über Manfred Hausmann und Corrie ten Boom bis zu Helmut Thielicke und Billy Graham. Und 246 „Werthe Gäste“.

Und die Familie. Und Freunde. Gefährten. Seelentröster und Tränentrockner und Motivationskünstler.

 

2003 wollte ich wieder mal weg. Hatte lange überlegt und mit Gott und guten Freunden geredet. Aber Gott verhielt sich ausgesprochen zurückhaltend.

Ein Freund aus München sagte mir, wie das aus seiner Sicht so ist mit Gott und seinen Menschen: „Er sitzt neben dir auf dem Sofa, lächelt dir freundlich zu und sagt: Nun bin ich aber mal gespannt, wie du dich entscheidest.“

 

Will sagen: Ich muss nicht auf längst gelegten Schienen fahren. Gott erfindet mein Leben jeden Tag neu. Mit mir zusammen. Der Münchener Freund: „Lebensgeschichte ist Schöpfungsgeschichte.“ Ein spannender Gedanke.

 

Also entschied ich mich zu gehen. Und war innerlich längst weg, als erste Hinweise kamen, dass ich diese Entscheidung vielleicht noch einmal überdenken sollte. Hinweise von Menschen und, ja, wohl auch Hinweise von Gott. Und als mich der damalige ERF Vorstand fragte, ob ich mir nicht vielleicht doch vorstellen könnte zu bleiben, begann der Entscheidungsprozess von vorn.

 

Und dann bin ich geblieben. Nein, ich bin zurück gekommen. Weil ich ja eigentlich schon weg war. 

 

Eigentlich…

 

Aber nun bin ich weg. Hab mich am 30. September 2014 feierlich entpflichten lassen. Und bin seitdem hauptberuflich, was ich nebenberuflich schon immer war: Autor, Liedermacher, Moderator, Prediger. Wortmaler und Erzählsänger. "Lebt als freier Schriftsteller in Wetzlar." Like!

 

Manches Buch ist seitdem entstanden. Und nach vielen Jahren eine neue CD. Ich bin soooo glücklich. Ist nämlich soooo schön geworden. Anrührend. Ganz und gar authentisch. Irgendwie die Quintessenz dessen, was ich bisher geschrieben und gesungen habe. "Nahaufnahme" heißt sie. Danke, Florian Sitzmann! Das jüngste, sehr persönliches Buch heißt "Doch Gott sieht das Herz". Mit Bildern des wunderbaren Eberhard Münch. 2018 folgen weitere Bücher.

 

Ja, das ist wohl so: Gott erfindet unser Leben jeden Tag neu. Es ist aufregend an seiner Hand zu leben.

 

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Vita

 

Jürgen Werth, geboren 1951 in Lüdenscheid. 

 

Volontär und Redakteur bei der Westfälischen Rundschau in Dortmund, Hagen und Lüdenscheid. 

 

Bis 2014 bei ERF Medien in Wetzlar, u. a. als verantwortlicher Redakteur für „e.r.f. junge welle“, als Chefredakteur und als Programmdirektor. 

 

Von 1994 bis zum Ende seiner Dienstzeit Direktor bzw. Vorstandsvorsitzender. 

 

TV-Moderator („Wartburg-Gespräche“ und „Werthe Gäste“) und Moderator der Großevangelisation „ProChrist“. Drei Jahre lang Sprecher beim „Wort zum Sonntag“ (ARD).  

 

Von 2007 bis 2011 ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz. 

 

Er lebt als freier Schriftsteller, Liedermacher und Referent in Wetzlar. Er ist verheiratet mit Angela und hat drei erwachsene Kinder und sieben Enkelkinder.

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