Das Glück hat es nicht leicht mit mir

Das Glück hat es nicht leicht mit mir. Ich bin Künstler. Enneagramm-Typ 4. Immer unterwegs. Immer auf der Suche. Nach der blauen Blume aller Romantiker: dem Besonderen, dem Außergewöhnlichen, dem vielleicht Unerreichbaren weil Vollkommenen. Nach der einzigartigen Idee, der idealen Lösung, der perfekten Formulierung. Ich bin selten ganz zufrieden. Denn immer bohrt die Frage: Gibt es nicht irgendwo doch noch etwas Schöneres, Besseres, Passenderes als das, was mir gerade eingefallen und zugefallen ist? Das ist anstrengend, ja. Aber ich kann’s nicht ändern. Nicht so leicht jedenfalls. Andererseits entstehen so zuweilen auch Texte, die nie und nimmer zustande gekommen wären, hätte ich mich vorschnell zufrieden gegeben.

Manchmal dauert es lange, bis wir uns finden, das Glück und ich.

Ich bin dabei in guter Gesellschaft. Ein Schweizer Schriftsteller hat einmal auf die Frage, was Glück für ihn ist, geantwortet: „Der gelungene Satz. Das treffende Wort.“

Aber welcher Satz ist schon wirklich rundherum gelungen? Und welches Wort trifft wirklich passgenau? Meist ist es der Satz, das Wort eines anderen. In meinen Konzerten zitiere ich zuweilen einen Text von Albert Schweitzer über das Älterwerden. Darin steht der Satz: „Mit dem Verzicht auf Begeisterung runzelt die Seele.“ Und ich seufze anschließend laut und vernehmlich: Ach, wäre dieser Satz doch mir eingefallen! Ich wäre glücklich!

Wie’s manchen erstaunlicherweise auch mit Sätzen von mir geht. Kurz nachdem ich meine erste Langspielplatte veröffentlicht hatte, traf ich den damals schon legendären Johannes Jourdan, Texter des Paulus Oratoriums und vieler erfolgreicher Lieder. Er nahm mich beiseite, gratulierte mir und sagte: „Ich gäbe alle meine Texte für ein Lied von dir!“

Ist denn nur gut, was ein anderer geschrieben hat?

Dann wären Künstler zum Unglücklichsein verdammt, mit kurzen flüchtigen Glücksunterbrechungen. Alle Autoren und alle Prediger. Wenn sie beides sind, haben sie es vielleicht besonders schwer. Wie der einzigartige Manfred Hausmann, Schriftsteller und Laienprediger. In einem Interview klagte er mir einmal: „Um ein Wort der Bibel auszulegen brauchte ich tausend Sätze. Ich habe aber nur Zeit und Platz für ein paar wenige.“

Und trotzdem: Einfach glücklich ist der, der immer neu Frieden schließt mit sich selbst und damit auch mit all seinen Beschränkungen. Der zufrieden ist mit dem, was er hat und kann und ist und nicht nach dem schielt, was andere haben, können und sind. Wer in sich selbst ruht und sich nicht in die Haut, in das Hirn oder in das Schreibgerät eines anderen sehnt. Einfach glücklich ist, wer auch die kleinen Erfolge wahrnimmt und schätzt und feiert und sich nicht von scheinbaren Misserfolgen schrecken lässt.

Einfach glücklich ist auch der, der hier und heute lebt. Jetzt. Der weder dem nachtrauert, was nicht mehr ist, noch sich nach dem verzehrt, was noch nicht ist. Ich gebe zu: Auch da hat es das Glück schwer mit mir. Denn allzu oft sehne ich mich zurück in die kleinen und großen Glücksmomente der Vergangenheit - auch wenn ich sie damals vielleicht gar nicht so sehr als Glücksmomente wahrgenommen habe - und allzuoft plane ich die kleinen und großen Glücksmomente von morgen. Und verpasse dabei vielleicht die, die mir gerade in diesem Moment begegnen. Den Sonnenuntergang hinter den Häusern meiner Stadt, das Schnurren der Katze auf meinem Schoß, das selige Lachen meiner Enkel, den entspannten Abend mit guten Freunden. Irgendwann erinnere ich mich und denke: Das war Glück.

Kann es denn Glück nur im Rückblick geben? Max Frisch, bis heute eine meiner Schriftstellerikonen, scheint davon überzeugt. In sein Tagebuch notiert er einmal:

„Glück als das lichterlohe Bewusstsein: Diesen Anblick wirst du niemals vergessen. Was aber erleben wir jetzt, solange er da ist? Wir freuen uns auf eine Reise, vielleicht jahrelang, und an Ort und Stelle besteht die Freude größtenteils darin, dass man sich um eine Erinnerung reicher weiß. Eine gewisse Enttäuschung nicht über die Landschaft, aber über das menschliche Herz. Der Anblick ist da, das Erlebnis noch nicht. Man gleicht einem Film, der belichtet wird; entwickeln wird es die Erinnerung. Man fragt sich manchmal, inwiefern eine Gegenwart überhaupt erlebbar ist.“

In einem Lied halte ich dagegen. Für ihn und für mich. „Wenn ich liege, dann lieg ich. Wenn ich stehe, dann steh ich, wenn ich gehe, dann geh ich.“ Ich will jetzt leben. Jetzt erleben. Mit offenen Sinnen dem kleinen Glück des Alltags begegnen.

Kann Gott helfen? Ja und immer wieder Ja. Denn er ist ewige Gegenwart. „Ich bin, der ich bin“, so stellt er sich den Israeliten in der Wüste vor. Mit Gott sein heißt darum im Moment sein. Wer betet, hält die Zeit an und begegnet der Ewigkeit. Er erlebt, dass alles Vergangene von Gottes Nachsorge und alles Zukünftige von seiner Fürsorge umkleidet ist. Nur das Hier und Jetzt zählt noch. „Gott nahe zu sein, ist mein Glück.“ Dieses Bibelwort stand als Losung über dem Jahr 2014.

Das Glück hat es vielleicht doch gar nicht so schwer mit mir, mit uns. Wir müssen uns nur immer wieder in die Nähe dieses Gottes begeben. Und diese Gegenwart mitnehmen in unsere vergehende Zeit. Immer wieder stehen bleiben. Hinschauen. Hinhören. Uns freuen. Danke sagen.

Sie konnte das, eine alte Frau aus Hamburg, die wir mitgenommen hatten auf eine Bergwanderung. Alle paar Meter blieb sie stehen und staunte. Über die Berge, die Blumen, die Sonne, den Wind. Jeder neue Ausblick brachte sie zum Schwärmen. Die anderen, die das ferne Ziel möglichst rasch erreichen wollten, machte das zunehmend nervös. Doch die alte Frau ließ sich nicht beirren - und hat wohl mehr erlebt auf dieser Wanderung als alle anderen zusammen. Sie war - glücklich.

Ein befreundeter Pfarrer hat mir einmal erzählt, er trage immer einen Zettel in der Tasche seines Jacketts mit den beiden Sätzen: „Gott ist da. Wo bin ich gerade?“ Das habe ich mir gemerkt. Gott ist da. Und das Glück. Ich will es nicht verpassen.

Jürgen Werth

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