Grenzen überwinden

22.1.2019

Früher, so erzählte er zuweilen, früher wären sie am Heiligabend immer von Jerusalem nach Bethlehem gewandert. Jerusalem war seine Heimat gewesen, genauer das Armenische Viertel in der ummauerten Altstadt. Da war er aufgewachsen. Weil er Armenier war. Später hat er als ERF Mitarbeiter viele Jahrzehnte lang die armenischen Radioprogramme der internationalen Radiomission TWR verantwortet: Jakob Jambazian.

 

Neulich, als ich in der Vorweihnachtszeit durch sein altes Viertel flaniert bin, stand er mir wieder vor Augen. Und ich habe gedacht: Heute wäre so eine Weihnachtswanderung nicht mehr möglich. Zwischen Jerusalem und Bethlehem gibt es eine Grenze, die weder von der einen noch von der anderen Seite aus so einfach zu durchqueren ist. Bethlehem gehört zur Zone A der Palästinensischen Autonomie. Israelis haben dort keinen Zutritt mehr. Umgekehrt müssen sich palästinensische Arbeiter, auf die die israelische Wirtschaft angewiesen ist, bei jedem Übertritt einer strengen Kontrolle unterziehen, es sei denn, sie besitzen aus der Vergangenheit noch einen israelischen Pass.

 

Wir haben das täglich erlebt, denn wir haben zehn Tage lang direkt neben Bethlehem gewohnt, in Beit Jala, im wunderschönen Gästehaus von Johnny und Marlene Shawan. Wir waren Touristen, darum irgendwie neutral, deshalb gab es für uns keine Probleme beim mehrfachen Grenzübertritt. Aber eben: nur für uns.

 

Eine Grenze der Angst ist das. Jeder hat Angst vor dem anderen. Und keine Lösung in Sicht. Und wirklicher Friede in schier unerreichbarer Ferne.

 

Grenzen schützen, und sie scheiden. Nicht nur hier zwischen Jerusalem und dem Westjordanland. Offenbar brauchen Menschen Grenzen. Überall und schon immer. Manche sind sichtbar, andere eher unsichtbar und verborgen. Die sind dann vielleicht noch mächtiger. Grenzen zwischen Menschen. Zwischen Überzeugungen. Und am mächtigsten wohl die Grenze zwischen Himmel und Erde, zwischen Schöpfer und Geschöpfen.

 

Muss das so sein, und muss es so bleiben? Nein, hat Gott eines Tages beschlossen. Und ganz und gar einseitig diese Grenze eingerissen. Und der Himmel kam zur Welt. Der Schöpfer wurde Geschöpf. Die Welt hätte diese Grenze niemals einreißen können. Die ausgestreckten Arme der Menschen erreichen den Himmel nur dann, wenn er ihnen ein ordentliches Stück entgegen kommt.

 

Hier ist es passiert. In Bethlehem. Diese eigentlich unvorstellbare Grenzüberschreitung hat es schon damals auch mit den Grenzen aufgenommen, die zwischen Menschen existieren. Vor Jesus, dem Kind im Stall knien die von ganz unten, die Hirten, die nach Schafen und Ziegen stinken, und die von ganz oben, die wohlriechenden Magier aus dem Morgenland.

 

Und noch eine Grenze überwindet Gott durch das Kind in der Krippe, die zwischen dem auserwählten Volk der Juden und den Nichtjuden, den Gojim, den Heiden, von denen sie sich gefälligst fern zu halten hatten, um nicht verunreinigt zu werden, nicht infiziert zu werden mit Unglauben. Durch Jesus und in Jesus gehören sie zusammen. Das mussten sie allerdings immer neu verstehen und verinnerlichen. In vielen Jahrhunderten waren sie einander fremd geworden. Paulus beschwört die jüdischen und die nichtjüdischen Christen geradezu: „Christus Jesus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.“ So nachzulesen im Brief an die jüdischen und nichtjüdischen Christen in Ephesus.

 

Grenzen überwinden. Das darf klein anfangen. Mit einem Kind in einer Futterkrippe. Mit einer Handvoll Menschen, die durch Jesus zueinander gefunden haben, obwohl sie zu verfeindeten Gruppen gehören. 

 

Solch ein Friede wird einem allerdings selten geschenkt. Er ist kostbar und kostet darum viel, manchmal sogar den Einsatz des Lebens. Jesus hat das erfahren. Aber billiger ist er wohl nicht zu haben.

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