Die Kleinen übersieht man gern

22.1.2019

Die Kleinen übersieht man gern. Und man übergeht sie gern. Darum müssen sie sich manchmal strecken, auf die Zehenspitze stellen, das Kleinsein durch Lautsein kompensieren. Und in manchem Kleinen reift der Entschluss: „Ich werd‘s euch allen noch zeigen. Irgendwann werdet ihr nicht mehr auf mich herabsehen.“

 

Er war auch ein Kleiner, zumindest so klein, dass es dem Chronisten Lukas einen Vermerk wert war: Zachäus, Zolleinnehmer in Jericho, jener Oasenstadt in der judäischen Wüste, am Nordufer de Toten Meeres gelegen. Ich lese mal den Anfang der Geschichte:

 

„Und er, Jesus, ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.“

 

Klein war er. Und er war reich geworden. Weil er klein war? Na, das wäre dann vielleicht doch ein bisschen überinterpretiert. Jedenfalls war er wohl ein armer Reicher. Er hatte viel, aber das Entscheidende fehlte. Die Mitte. Der Sinn. Seelenfrieden. Sollte das dieser Jesus haben, der Heiler und Wanderprediger aus dem Norden?

 

Er war interessiert. Vielleicht auch mehr. Er wollte Jesus sehen. Vielleicht sogar sprechen. Aber man ließ ihn nicht durch. Kleine Rache der Großen am kleinen korrupten Zolleinnehmer. Aber es gab ja die Maulbeerfeigenbäume, die die Straße säumten. Die waren leicht zu erklettern und - was noch wichtiger war - sie hatten große Blätter. So konnte er sehen ohne gesehen zu werden.

 

Aber Denkste! Vor Menschen konnte er sich so wohl verstecken. Nicht aber vor diesem geheimnisvollen Jesus. Der nämlich blieb direkt unter seinem Baum stehen, schaute hinauf, sah Zachäus tief in die Augen und sprach ihn an. Mit seinem Namen. Und lud sich gleich selbst zum Abendessen bei Familie Zachäus ein. Was im Orient nicht unverschämt sondern eine besondere Form der Ehrenbezeugung war.

 

Und dann sitzt er bei Zachäus, dann isst er mit Zachäus. Dann reden sie miteinander. Er, der Heilige vom See Genezareth, hat Platz genommen bei einem der ganz und gar Unheiligen in der Wüste. Und die Frommen zerreißen sich die Mäuler. „Weiß er nicht? Will er nicht wissen? Dann kann er kein Bote Gottes sein!“

 

Und Jesus sagt ihnen den Satz, der uns durch diesen Tag begleiten möchte: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

 

Der Menschensohn - das verstehen die Leute und erschrecken. Der Menschensohn - das ist der göttliche Gesandte par excellence. Der von den Propheten angekündigte Weltenrichter. Der, und kein anderer, steht vor ihnen, und er sagt, dass er hier und jetzt nicht richten sondern retten will, dass er gekommen ist, um die zu suchen, die Gott verloren gegangen sind. Die will er selig machen, also zurück bringen in die Nähe Gottes.

 

Und für Zachäus beginnt ein neues Leben. Und für alle, aus denen er in der Vergangenheit jeden nur möglichen Schekel herausgepresst hat, auch.

 

Immer und immer wieder ist diese wunderbare Geschichte erzählt worden. In ungezählten Kindermusicals hat man ihn genüsslich als kleinen Knirps vorgestellt. Das war er ja auch wohl. Und Kinder lernen: Jesus kommt zu den Kleinen. Das ist gut. 

 

Aber es geht um mehr in dieser Geschichte. Nicht um den kleinen sondern um den verlorenen Zachäus. Gott hat ihn verloren und will ihn zurück haben. Zachäus. Mich. Uns. Diese Welt. Nicht wichtig, ob wir klein oder groß, arm oder reich sind. Verloren sind wir, wenn Gott uns verloren hat. Wenn wir Gott verloren haben. Aber Jesus ist gekommen. Gerade für uns. Er hat damals gesucht. Er sucht heute. Und ich habe so richtig Lust mich neu finden zu lassen. 

 

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