Narzisstische Egomanen überall

30.5.2018

Manchmal möchte ich schreien. Weil ich den Eindruck habe, dass diese Welt nur noch von narzisstischen Egomanen regiert wird. Dass die Mauern zwischen Ländern und Völkern und Kulturen ständig höher gebaut werden. Dass wir uns nur noch und immer schneller um die eigene Achse drehen, statt die Probleme anzupacken, die uns alle miteinander bedrohen. Dass die Ungerechtigkeiten immer menschenverachtender werden. Dass wir einander immer weniger verstehen und nicht besser. Dass wir verlernt haben aufeinander zu hören und einander nur noch anbrüllen. Was vor allem elektronisch so einfach geworden ist.

 

Dabei wissen und können wir doch mehr als alle anderen vor uns gewusst und gekonnt haben! Dabei haben wir doch erlebt und erlitten, wohin uns staatlicher und persönlicher Egoismus führt!

 

Was ist eigentlich los mit dieser Welt? Mit den Menschen? Was ist los mit uns? Denn wir gehören ja dazu.

 

Wenn wir wenigstens auf die Kirche verweisen könnten! Auf die Gemeinden, in denen wir Sonntag für Sonntag die Sonne der Gerechtigkeit rühmen und die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters preisen! Auch hier werden die Mauern zunehmend mächtiger und unüberwindbarer, will mir scheinen. Innerhalb der Gemeinden und zwischen den Gemeinden. Innerhalb der Verbände und Gemeindebünde und zwischen den Verbänden und Gemeindebünden. Zwischen Kirchen und Freikirchen und noch freieren Freikirchen sowieso. Und zwischen den theologischen Denk- und Glaubensrichtungen. Wir verstehen einander immer weniger - und wir versuchen es oft nicht einmal mehr. Wir reden vielleicht noch aufeinander ein aber doch hauptsächlich aneinander vorbei. Wir sind von unseren Überzeugungen überzeugt und finden andere Überzeugungen gefährlich, wir stehen auf unseren Standpunkten und finden andere Standpunkte verwerflich. Schlimmer: Wir sprechen einander sogar den guten Willen ab. Oder den Glauben. Oder beides. Und nennen Überzeugungen, die wir nicht teilen, unbiblisch. Wir reden noch. Wenigstens manchmal. Aber wir hören nicht mehr. Hören nicht mehr zu. Horchen nicht mehr hinein in die Gedanken- und Gefühlswelt der anderen. Fragen nicht mehr, ob Gott nicht auch in ihnen leben und durch sie reden könnte. Zu uns und zur Welt.

 

Dabei wünsche ich mir so sehr, dass wir ein Modell sind für die anderen, ein Modell für eine zugewandte und lösungsorientierte Gesprächs- und Lebenskultur. Dass wirs’s nicht nur bekennen sondern leben, das „Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Was wäre das, wenn der Mikrokosmos unserer Gemeinden ein Gegenentwurf wäre zum Makrokosmos der Welt, in der wir leben!

Dabei ist es so einfach! Eigentlich.

 

Vor Jahren liefen viele von uns mit einem kleinen Armband durch den Alltag. „WWJD?“ stand darauf „What would Jesus do?“ „Was würde Jesus tun?“ Ich habe mir damals manchmal noch ein anderes gewünscht. Mit den Buchstaben „WWJS?“ „What would Jesus say?“ „Was würde Jesus sagen?“

 

Ja, was würde er tun, was würde er sagen angesichts der großen und kleinen Scharmützel in unserer Welt und in unseren Gemeinden? Wie würde er mit denen umgehen, die andere Überzeugungen haben, einen anderen Standpunkt? Was würde er tun gegen all die Ungerechtigkeiten in dieser Welt?

 

Wir sollten ihn fragen? Das Buch befragen, das von ihm erzählt und das seine Worte für uns aufbewahrt. Und umkehren. Zu ihm und zueinander. Die Alten nannten das „Buße tun“. Das ist zunächst nur ein Blickwechsel. Dann aber auch ein Denkwechsel. Und ein Lebenswechsel. Dann beginnt etwas zu leuchten. Wieder zu leuchten. In uns und durch uns. Er selbst. Und wir sind wieder die „Stadt, die auf dem Berge liegt“. Die Licht sendet und Hoffnung und Orientierung.

 

(Aus "Aufatmen)

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