Mäh, Mäh

1.2.2016

Psalm 79,13

Wir, dein Volk, die Schafe deiner Weide, danken dir ewiglich und verkünden deinen Ruhm für und für.

 

 

Was ist denn das für ein Volk, bitteschön? Es macht sich zum Horst, zum Vollhorst. Schafe deiner Weide? Also wirklich. Ich sehe sie trotten und träge grasen, ich höre sie blöken und blöde meckern. Und das nennen sie dann auch noch Danken und Rühmen! Wie weit kann Selbsterniedrigung denn eigentlich noch gehen?

 

Und was ist denn das für ein Herrscher, bitteschön? Kann sich einer an solch blindem und ungebildetem Geblöke freuen?

 

Also wirklich.

 

Denke ich. Denke ich heute. Ziemlich genau 3000 Jahre, nachdem der tierische Lobgesang aufgezeichnet worden ist. Von Asaph, einem Hofmusiker des legendären Königs David. In einem Psalm hat er es aufgezeichnet. Wie das sein König auch zu tun pflegte. Im Psalm mit der Nummer 79, genauer gesagt.

 

3000 Jahre … Asaph … David … Israel … Da muss ich mich doch besser erst einmal kundig machen, bevor ich so schroff urteile, die Bilder heutiger Schäfer und Schafe vor Augen und Ohren, heutiger Mächte und Machtverhältnisse.

 

Und ich entdecke: Wenn damals einer von einem Hirten sprach, meinte er  nicht nur Schafhirten. Ziegenhirten. Eselhirten. Und Herden waren nicht nur Tiere. Das Wort „Hirte“ meinte oft auch einen Herrscher, einen Machthaber. Im Alten Orient wird dieser Begriff immer wieder auch für Könige gebraucht. Und die Herde ist demnach das Volk. Keine Schafe. Menschen!

 

Nein, hier macht sich keiner zum Horst, wenn er sagt: Wir sind die Schafe deiner Weide. Hier gebraucht einer ein durchaus gebräuchliches Bild.

 

Nur, dass hier kein weltlicher Herrscher bejubelt wird, nicht einmal David, der selbst einmal Hirte gewesen war. Hier wird Gott höchstpersönlich bejubelt. Der König aller Könige. Der Hirte aller Hirten. Der gute König. Der gute Hirte. Der wie ein guter Hirte lenkt und leitet und versorgt. Der wie ein guter König über den Tellerrand blickt, eine Vision hat für Volk und Vaterland. Der einen staatlichen Rahmen schafft, in dem seine Menschen geschützt sind und sich entwickeln können.

 

So ein guter Hirte hat zu tun. Hat alle Hände voll zu tun mit seiner Herde. Wie ein guter König auch. Er ist für verantwortlich für die, die ihm anvertraut sind. Er packt selber zu, wo Not am Tier ist. Oder am Volk. Er lenkt und leitet, schiebt und schert.

 

Der gute Hirte, der gute König bist du, unser Gott, bekennt die Herde Israel! Du warst es, du bist es, du bleibst es. In alle Ewigkeit.

 

Sie sagen und singen es, nachdem sie alles versemmelt haben, weil sie’s wieder mal ohne ihn versucht haben. Ohne ihn leben wollten. Ohne ihn eigene wollten gegen all die Feinde, die ihnen ans Leben wollten. Und wieder mal sind sie kläglich gescheitert. Sie haben den Krieg verloren. Alles verloren. Weil sie ihn beiseite geschubst haben wie ein unmodern gewordenes Möbelstück. Aber nun wissen sie’s. Wissen sie’s wieder: Einzig unter seiner Leitung gibt es noch eine Chance für uns. Hoffnung. Einen Neubeginn.

 

Der Weg bis zu dieser Erkenntnis war lang. Und er war schmerzhaft.

 

Wie unser Weg vielleicht. Der Weg unseres Kontinents. Unserer Welt.

 

Wenn wir das doch auch wieder glauben würden, sagen und bekennen und leben! Dann wäre uns geholfen. Nachhaltig. Und in alle Ewigkeit.

 

Aber wir wollen nicht auf die anderen warten. Wir fangen einfach an. Heute. Wir tun den ersten Schritt. Und wir bekennen:

 

„Wir, dein Volk, die Schafe deiner Weide, danken dir ewiglich und verkünden deinen Ruhm für und für.“

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