Da sitzt er nun. Wie jeden Tag. Sie haben ihn gebracht. Klar. Alleine hätte er den Weg nicht geschafft. Er konnte noch nie laufen. Hat noch nie auf eigenen Füßen gestanden. Er ist gelähmt. Zum Familieneinkommen kann er nichts beitragen. Na ja, fast nichts. Er kann betteln. Und er hat einen guten Platz gefunden Am Schönen Tor des Tempels sitzt er und bittet um Almosen. Da greift mancher, der vorbeigeht in die Manteltasche und lässt ein paar Münzen in das Tuch fallen, das er vor sich ausgebreitet hat. Die Vorübergehenden sind dazu verpflichtet. Almosengeben ist im Judentum eine religiöse Pflicht.


Im 5. Buch Mose steht:


«Wenn unter dir ein Dürftiger sein wird, einer deiner Brüder, in einem deiner Tore, in deinem Lande, das der Ewige, dein Gott, dir gibt, so sollst du deinem Bruder, dem Dürftigen, gegenüber dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht verschließen, sondern du sollst ihm deine Hand öffnen, sollst ihm leihen, wie viel er in seinem Mangel bedarf, wie viel ihm fehlt.»


Der Talmud betont später sogar, dass es dabei weit mehr als um freiwillige Mildtätigkeit geht. Almosen ist eine rechtliche Verpflichtung. Es geht um Gerechtigkeit. Um Ausgleich. Wer hat, muss dem helfen, der nicht hat.


Der Gelähmte an der Schönen Pforte hat es also gut getroffen. Ja, aber doch nur sehr oberflächlich betrachtet. Denn kein noch so großzügiges Almosen hilft ihm auf die Beine. Er ist gelähmt. Gefangen im eigenen Körper. Vielleicht hat er auch dieses Gebet immer wieder gebetet:


„Ich liege gefangen und kann nicht heraus, mein Auge vergeht vor Elend. HERR, ich rufe zu dir täglich.“ Psalm 88, 9–10


Und Gott hört dieses Gebet. Heute. Jetzt. Endlich.


Petrus und Johannes, die beiden vielleicht wichtigsten Jünger des auferstanden Jesus, sehen ihn und bleiben stehen. Und Petrus sagt die beinahe schon legendären Worte: 


„Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“


„Und“, so geht der Bericht in der Apostelgeschichte weiter: „er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.“


Was für ein wunderbares Wunder! Nein, das passiert nicht alle Tage. Damals nicht. Und heute nicht. Aber wir dürfen Gott immer wieder bitten, dass er das, was uns lähmt, weg nimmt. Oder dass er uns die Kraft gibt, trotz aller Lähmungen innerlich frei zu werden.


Wie eine ehemalige Mitarbeiterin des, die blind ist. Neulich traf ich ihre Tochter. „Mama gehts gut!“ sagte sie. „Und wir wissen ja, dass wir alle eines Tages wieder sehen und laufen und springen können. Dieses Leben auf dieser Erde ist nicht alles. Auf uns wartet der Himmel. Da sind wir eine ganze Ewigkeit frei von allem, was uns hier noch in den Staub drücken möchte.


Und bis dahin? Helfen die, die haben, denen, die nicht haben. Teilen Geld und Brot und Leben. Wie die Leute von Lifegate, die sich heute in Beit Jala, einen Steinwurf von Jerusalem entfernt, um die kümmern, die behindert werden. Mit Wort und Tat und Liebe. Mit Operationen und Therapien. Und Gefangene werden frei. Herz und Seele. Und manchmal sogar der Körper. Die Leute von Lifegate sind für mich Petrus und Johannes im 21. Jahrhundert.


Und wir sind es auch.