Er war unser Vorbild. Er spielte besser Fußball. Er war klüger. Er konnte präziser formulieren und wohl auch denken. Und er sah immer schon ein bisschen weiter als wir. Hatte nicht nur unser überschaubares Lüdenscheid im Blick sondern das ganze Land, vielleicht sogar die ganze Welt. Klar, er war älter als wir. Ein gutes Jahr älter als ich, Jürgen, und zwei Jahre älter als ich, Burkhard - was für Dreizehn- und Vierzehnjährige eine Menge ist. Wir waren zusammen im CVJM, der in den Sechziger Jahren noch strikt ein Christlicher Verein Junger Männer war.
Jochen Bohl und wir waren erst Jungscharler, dann Jungenschaftler. Wir bolzten zusammen, bis der Schweiß floss, wir fetzten uns beim Saalhockey, wir fuhren auf Sommerlager, wir schmetterten zünftige Fahrtenlieder und lauschten spannenden Krimis und biblischen Geschichten. Und wir entdeckten die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes, die uns bis heute nicht mehr losgelassen hat.
Irgendwann zog Jochen in eine andere Stadt zum Studieren. Theologie. Dass wir beiden anderen später einen ähnlichen Weg einschlugen, hatte auch mit ihm zu tun. Manchmal kam er mit neuen Ideen nach Hause. Politischen Ideen. Vieles kam uns zu radikal vor, aber es brachte unser beschauliches CVJM-Leben und -Denken in Bewegung. Wir lernten: Glaube hat immer auch eine gesellschaftliche Dimension. Das gab manchmal deftige Diskussionen, wir waren beileibe nicht immer einer Meinung, aber so schärften wir unsere Gedanken an denen der andern.
In den späten sechziger Jahren dann zogen wir aus dem CVJM-Haus um in einen städtischen Beatkeller. Mit Mädchen und jungen Frauen inzwischen. Da eröffneten wir als „Aktionsgemeinschaft Bewusster Christen“ (ABC) eine Teestube für alle, die nicht so einfach zu uns in unsere frommen Behausungen fanden. Und sie kamen. Hippies, Junkies, Rocker. Mancher ließ sich auf tiefe Gespräche über das Leben und den Glauben ein und fand irgendwann zum Glauben an Jesus. Wir, Jochen, Burkhard und Jürgen, bildeten zusammen mit anderen den „PAK“, den Planungsarbeitskreis. Der Name war wohl eine Erfindung von Jochen. Er wollte keinen „Vorstand“ - die 68er ließen grüßen.
Dann wurde Jochen Pfarrer, erst Gemeindepfarrer in Dortmund-Aplerbeck und dann Jugendpfarrer im Saarland. Er engagierte sich bei den Grünen und formulierte, was für viele von uns neu war. Verstörend auch zuweilen. Aber wenn man heute noch einmal in Interviews mit ihm hinein hört, sagte er damals nur, was heute weitgehend Allgemeingut ist.
Er war nun im Saarland, ich, Jürgen, in Wetzlar, und ich, Burkhard, erst in Kassel und dann in Ostfriesland. Wir verloren uns aus den Augen. Aber nie aus dem Sinn. Wir sind uns auch immer wieder begegnet. Jochen hat mich, Burkhard, getraut. Und ich, Jürgen, war mit ihm, als er längst Landesbischof in Sachsen und ich Direktor des ERF war, beim Sächsischen Kirchentag in Annaberg-Buchholz. Später war er mein Talk-Gast im TV-Format „Werthe Gäste“. Und noch später, bei meiner Verabschiedung vom Amt des ERF-Chefs, hielt er als Stellvertretender Ratsvorsitzender der EKD einen sehr persönlichen Vortrag in der Wetzlarer Stadthalle.
Er war nie ein charismatischer Redner. Er war auch kein Menschenmensch. Er war sachorientiert, sach-lich. Man musste zuhören wollen. Aber dann hörte man Durchdachtes und Durchlebtes.
Vor eineinhalb Jahren sind wir uns das letzte Mal begegnet, in seinem Haus in Radebeul. Da wirkte er schon ein bisschen angeschlagen. Aber niemand sollte wohl etwas von seinen gesundheitlichen Problemen wissen. Nicht zuletzt deshalb, weil er seine alte Mutter, eine Schulfreundin meiner, Jürgens, Mutter, schonen wollte. Wir hatten uns lange nicht gesehen, doch wir redeten, als hätten wir uns eben erst in Lüdenscheid voneinander verabschiedet.
Nun blicken wir zurück. Dankbar für einen unbeugsamen, unbequemen und gleichzeitig liebenswürdigen Weggefährten. Einen frommen Christenmenschen, dem die politische Dimension des Christseins stets wichtig war. Er hatte keine Scheu davor anzuecken. Er nahm in Kauf, dass er sich immer wieder auch Verdächtigungen von Andersdenkenden und Andersglaubenden aussetzte. Der Applaus der Menge war ihm nie wichtig. Er wollte nicht immer recht haben. Doch oft hatte er.
Er war unser Vorbild. Und irgendwie ist er es noch immer.
Jürgen Werth, ehemaliger Chef von ERF Medien
Burkhard Hesse, ehemaliger Landessekretär des CVJM Ostfriesland
Von rechts nach links: Jochen Bohl, Jürgen Werth, (Gebhard Dawin), Burkhard Hesse
